Studium in Russland
ein Erfahrungsbericht von der Staatlichen Universität Wladimirs
Für diejenigen unter Euch, die sich für ein Studium in Russland entscheiden wollen, gibt es, bezogen auf die Größe des Landes und dessen Bedeutung, erstaunlich wenige Austauschmöglichkeiten und Partnerhochschulen im Rahmen eines Austauschs der FAU. Nachdem die Studienmöglichkeiten durch die Kooperationen der WISO in St. Petersburg vor zwei Jahren wegfiel, insgesamt nur zwei Studienplätze an der auf Wirtschaftswissenschaften spezialisierten Atiso in Moskau bereitstehen, bei denen Studenten der WISO bevorzugt werden, verbleiben auf dem Wege der Universitätspartnerschaften nur noch die Universität in Ekaterinburg und eben in die Erlanger Partnerstadt.
Wladimir selbst ist mit 350.000 Einwohnern und für russische Verhältnisse eine mittelgroße Stadt in unmittelbarer Nähe zur Hauptstadt Moskau. Diese ist zwar etwa 200 Kilometer entfernt und damit in zweieinhalb Stunden mit dem Express oder etwa dreieinhalb Stunden mit dem Bus zu erreichen, was sowohl von Seiten meiner russischen Bekannten als auch aus meiner Perspektive nach einem Jahr in diesem großen Land keine Entfernung darstellt. Die Hauptstadt des Oblasts Wladimir gehört dabei zu den Städten des Moskau umlagernden „Goldenen Ringes“, einer wegen ihrer Architektur und Geschichte besonders sehenswerten Region Russlands. So auch in Wladimir besonders auffällig – die zum Unesco-Weltkulturerbe gehörende Uspenski-Kathedrale, daneben das Goldene Tor, welches an dieser Stelle schon als Festung gegen die einfallenden mongolischen Horden stand, die Demetriuskathedrale, der weiße Kreml – die historische Altstadt hat die Montage der Sowjets überlebt und wurde aufwendig restauriert. Dadurch bekommt Wladimir, historisch gesehen eine der ersten Hauptstädte Russlands, in der Innenstadt ein ehrwürdiges Äußeres und auf ihre historische Tradition sind die Wladimirer auch zu Recht stolz.
In der Universitätslandschaft herrscht zur Zeit etwas Chaos. Neben der Umstellung auf Bachelor und Master ist das gesamte russische Hochschulsystem gerade Veränderungen im Bereich der Qualitätsstandards unterworfen. In Wladimir selbst passieren im Zuge dieser Reformen, die auf die Selbstbestimmungsrechte der Hochschulen abzielen, eine Reihe von Veränderungen und Umwälzungen im Hochschulbereich, die bis jetzt noch keinen Abschluss gefunden haben. Eines der großen Ziele ist die Zusammenführung mehrerer Universitäten zu einer großen, deren Dachhochschule anscheinend die von mir besuchte WlGU darstellen wird.
Die WlGU (ein Akronym für Wladimirskij Gosudarstvenij Universitet, also Staatliche Universität Wladimir) besitzt dabei vor allem im Bereich der Mathematik einen guten Ruf und stellt mit etwa 25.000 eingeschriebenen Studenten die größte Universität Wladimirs dar. Das Universitätsgebäude entstammt den sechziger Jahren und wirkt wie ein Plattengebäude. Zu diesem ersten Korpus gehören noch drei weitere, die alle auf einer Art Campusgelände liegen. Zudem gehört noch ein an den ersten Korpus angeschlossener Sportkomplex mit einem Schwimmbad, Boxring, Fitnessstudio und zwei Mehrzweckhallen. Für die Sportler unter Euch gibt es auch noch eine Sportanlage direkt neben den Wohnheimen, Heimstätte der Ringermannschaft Wladimirs und Herberge eines privaten Fitnessstudios.
Das Studienangebot der WlGU ist umfangreich (prinzipiell können hier in der russischen Adaption alle Fachbereiche studiert werden), das Hochschulleben anders als aus Deutschland bekannt. So gibt das russische System einen Klassenverband vor. Als Austauschstudent wählt man meist aus mehreren Jahrgängen das für sich selbst passende Studienangebot aus. Damit springt man zwischen mehreren Jahrgängen hin und her, was einem aber das Kennenlernen vieler Studenten erleichtert. Die Klassenverbände umfassen dabei meist zwischen 10 und 15 Personen, abhängig vom Studiengang. Da das russische System noch keine Präsenzstudienzeit kennt, habe ich zu Prüfungszeiten sogar Menschen getroffen, die ich im Semester noch gar nicht kennengelernt habe. In Sachen Seminar- und Vorlesungsquantität unseren Studiengängen überlegen, muss man bei de Qualität Abstriche machen. Die individuelle Pünktlichkeit der Professoren und Studenten wirkt in den ersten Wochen noch befremdlich, Referate werden meistens während des Seminars geschrieben, Powerpointpräsentationen sind noch eine Seltenheit, Prüfungen kann man meistens mit Sitzscheinen oder gutem Willen bestehen und sie sind im Vergleich außerordentlich leicht, wenn man ein deutsches Studienniveau in Umfang und Intensität als Maßstab annimmt. Des Weiteren ist man gezwungen Russisch zu sprechen, da nur ganz wenige Studenten mehr als ihren Namen auf Englisch sagen können, was allerdings auch wieder Vorteile für den Spracherwerb darstellt. Mein Wohnheimsmitbewohner, der nur ein Jahr Russisch an der Uni gelernt hatte und eigentlich auch am Ende seines Semesters kein Russisch verstand, hat alle Klausuren bestanden und auch so viel Spaß gehabt – also auch mit geringen Kenntnissen der Landessprache ist das Bestehen von Prüfungen prinzipiell möglich.
Ein besonderer Vorteil sind die Betreuer im Internationalen Büro der Universität. Unter der Leitung von Nadezhda Troshina, die hervorragend Englisch spricht, kann man alle alltäglichen und speziellen Probleme vortragen und auf eine zeitnahe Lösung hoffen. Im Ernstfall begleiten einen die Koordinatoren dann auch in ein Krankenhaus oder zu den Wohnheimsleitern, um Verträge zu besprechen. Von den Mitarbeitern des Internationalen Büros werden auch die Kurse der russischen Sprache durchgeführt, die pro Tag vier Stunden andauern, aber zu Gunsten von Universitätsseminaren nicht zwangsweise besucht werden müssen. Dabei ist zu beachten, dass diese Kurse für alle anderen Teilnehmer 135€ kosten – ich habe durch das Pochen auf die Verträge zwischen der FAU und der WlGU allerdings nichts bezahlen müssen. Die Sprachkurse haben dabei Umgangssprache, Text- und Hörverstehen sowie Grammatik zum Inhalt. Wenn man sich entscheidet sowohl die Universität als auch die Sprachkurse zu durchlaufen, muss man bei einem Seminar in der Universität zusammen mit dem Sprachkurs und Hausaufgaben etwa acht Stunden Reinarbeitszeit pro Tag rechnen. Zusätzlich zum Nachlernen, was man als Nichtmuttersprachler am Anfang benötigt, um sich im Alltag verständlich zu machen, kann man wohl etwa zehn Stunden am Tag für Studien und Sprache veranschlagen – muss dies aber nicht.
Wohnen in Wladimir kann auf zwei mir bekannte Arten ermöglicht werden. Die klassische ist wohl, sich in einem vier Minuten von der Universität entfernten Wohnheim einzumieten. Hierbei hilft das Internationale Büro bei der Vermittlung. Wohnheimsplätze sind dabei garantiert, allerdings hatte ich bis zu meiner Ankunft noch keine feste Zimmernummer und war mir im Unklaren darüber, ob ich überhaupt einen Schlafplatz bekommen werde – hierbei muss man aber einfach auf die zuständigen Mitarbeiter der Universität vertrauen. Die zweite Möglichkeit ist das Anmieten einer Wohnung in Wladimir. Die Preise dafür beginnen ab 150€, für ein reines Einzimmerapartment vielleicht noch etwas weniger. Dazu vielleicht noch ein paar Worte: Russische Wohnheime sind gewöhnungsbedürftig! Erstens schließen sie 24.00 und öffnen erst wieder 6.00 morgens. Dieses System kann durch einen guten Kontakt zu den „Wächtern“ des Wohnheims, zumeist ältere Damen, die ihre Rente etwas aufbessern wollen, umgangen werden – was allerdings etwas Zeit und Kenntnisse in der Landessprache erfordert. Zweitens werden alle Aktivitäten im Wohnheim durch Kameras und weitere Wächter auf den jeweiligen Etagen überwacht – Besuch dabei bis 22.00 und nur mit Anmeldung, Anmeldung für die Waschmaschine und die Wäschekammer, der meist einzige Fernseher im Wohnheim steht auch bei den Wächtern in einer Art Vorzimmer der Etage. Drittens befinden sich die einzigen Duschmöglichkeiten im Wohnheim im Erdgeschoss. Beachtet man dabei, dass die Etagen für besondere Ausländer, Russen oder Leistungssportler die Etagen sieben bis neun beanspruchen, kann der Gang zur Dusche durchaus ein weiter sein – zumal der Lift eher nach einer Art göttlichem Zufallsprinzip funktioniert. Viertens gibt es keine Einzelschlafplätze und Einzelzimmer. Bei einer normalen Auslagerung der Wohnheime hat man mindestens einen Zimmernachbarn – dabei befindet man sich logischerweise in Zwei- oder Dreibettzimmern. Ein Waschbecken, eine Toilette und eine Abstellkammer sind dabei einem Zusammenschluss aus Zwei- und Dreibettzimmer zugeordnet, so das man sich diese Räumlichkeiten mit maximal vier Personen teilen kann. Fünftens ist Wohnheim nicht gleich Wohnheim. Die Wohnheime, in denen ausschließlich russische Studenten wohnen, sind sehr viel schlechter organisiert aber teilweise wohnlicher als das Wohnheim, welches für mittelfristige Gäste, also deutsche Studenten bereitsteht. In diesem speziellen Wohnheim für Ausländer und Russen, die es sich leisten können, dort zu wohnen, ist es sauberer, aber auch teurer und strenger. Ein anderer Aspekt des Wohnumstandes ist, dass man im Wohnheim nicht zwingend mit Russen in Kontakt kommt. Meine Mitbewohner waren (der Reihe nach geordnet) ein türkischer Masseur, ein französischer Sprachstudent und ein österreichischer Ingenieur – logischerweise konnte ich im Wohnheim selbst mein Russisch kaum verbessern. Dafür sind die Wohnheime mit allem bestückt, was man für den Anfang benötigt – in der gemeinsamen Küche steht die Waschmaschine, ein Kühl-Tiefkühlkombigerät, zwei Öfen mit jeweils vier Herdplatten, zwei Abspülbecken und gemeinschaftlich genutztes Geschirr sowie Töpfe, Pfannen, etc. Eine Grundausstattung befindet sich also bereits dort, für ausgefallene Sachen sollte man sich im Sparmarkt, im Globus oder in einer Haushaltsabteilung im nahegelegenen Megatork noch zusätzlich ausstatten. Die Zimmer sind pro Person ausgestattet mit einem Schreibtisch, einem Stuhl, einem Kleiderschrank, einem Bett mit dazugehörigem Equipment (hier wird die Mitnahme von Bettwäsche empfohlen). Für das Internet benötigt man ein klein wenig Glück und Ausdauer. Zwar gibt es in der Universitätsbibliothek kostenlosen und schnellen Internetzugang, jedoch sind die Bibliotheksöffnungszeiten nicht mit unseren vergleichbar. Weiterhin sind die Computerarbeitsplätze begrenzt, so dass nicht garantiert ist, dort arbeiten zu können. Im Wohnheim sollte man den Administrator nach einem Zugangskabel oder im Internationalen Büro nach Hilfe fragen. An der Universität werden Internetzugänge gegen eine monatliche Gebühr vergeben – die Tarife staffeln sich dabei nach Umfang und Volumen von 7,50-13€ und gewährleisten eine stabile Verbindung. Von den in Russland momentan modernen UMTS-Sticks wird dringend abgeraten, da die populären Anbieter (Beeline, MTS, Megafon) keinen stabilen Datenstrom garantieren und mit extrem langsamen Verbindungen ihren Anwender entnerven.
Bei der Alternative zum Wohnheim, der eigenen Wohnung in Wladimir, ist die Ausstattung natürlich Verhandlungssache und man muss für sich entscheiden, was man benötigt, weshalb ich darüber hier relativ wenig schreiben kann und will. Nur ein paar Grundgedanken, warum ich ein Jahr lang im Wohnheim gelebt habe: a) man erlebt immer etwas und kann jederzeit mit irgendwelchen Studenten etwas unternehmen oder bequatschen b) damit ist man automatisch Teil einer etablierten Gemeinschaft – bei Problemen jedweder Art hilft diese c) die Wahrscheinlichkeit auch auf Studenten mit Kenntnissen der englischen Sprache zu stoßen, steigt exponentiell d) hohe Fluktuation – nirgendwo lernt man so schnell so viele Leute kennen, wie im (internationalen) Wohnheim e) Bequemlichkeit – man muss nichts organisieren außer die monatliche Überweisung, da alle überlebenswichtigen Dinge vorhanden und in der Nähe sind f) Nähe – sowohl zur Universität als auch zur nächsten Einkaufsmöglichkeit in weniger als einer Zigarettenlänge. Die Vorteile einer eigenen Wohnung kennen alle selbst, die Wohnverhältnisse im Wohnheim wurden hier nur so ausführlich geschildert, damit der interessierte Leser eine Beschreibung dessen bekommt, was er erwarten muss/darf.
Neben der Universität stehen einem eine Vielzahl an Freizeitmöglichkeiten zur Verfügung. Ob es das universitätseigene Schwimmbad, Fitnessstudio, das Grillen mit Freunden und Bekannten am Wohnheimsgelände oder in den verschiedenen Parks in und um Wladimir, das gemeinsame Warcraftspielen mit Studienkollegen über das Wohnheimsnetzwerk, der Besuch eines der zahlreichen Museen oder Einkaufsgeschäfte ist – in jeder Jahreszeit bietet Wladimir die Möglichkeiten etwas zu unternehmen. Bei Planungen mit russischen Studienkollegen sollte man sich anfangs nicht frustrieren lassen. Mit dem deutschen Verständnis von Pünktlichkeit ärgert man sich hier oftmals, wenn man selbst zu unflexibel geplant hat. Die Devise heißt also organisieren und sich aufs Weggehen freuen, aber immer auch einen Notfall- und Lückenfüll-Plan im Hinterkopf behalten.
Wladimir selbst ist durch seine Lage optimal geeignet um Tages- oder Wochenendausflüge nach Moskau oder St. Petersburg zu unternehmen, Nach Moskau kann man wie bereits angesprochen per Bus oder Bahn praktisch zu jeder vollen Stunde fahren. Mach St. Petersburg eignet sich am besten der Nachtzug. 22.30 in Wladimir abfahrend, entsteigt man 9 Uhr des nächsten Tages der wunderschönen einstigen Hauptstadt an der Newa. In näherer Umgebung eignen sich Suzdal, Murom und Gus-Chrustalnij (im Sommer und mit Badesachen besonders schön) für Tagesausflüge, dem vier Stunden entfernten Nischnij Nowgorod sollte man eher ein ganzes Wochenende widmen.
Was bleibt für mich nach einem Jahr Russland? Die Erkenntnis zahlreiche neue Bekanntschaften und Freude in und aus aller Welt gefunden zu haben, eine unerschütterliche von russischer Bürokratie gestählte innere Ruhe, die Sprachkenntnisse aus über 400 Stunden Sprachunterricht, neue Wege, Zugangsweisen und ein tiefes Verständnis zu und für einer Kultur, die uns Westeuropäern wohl anfangs schwer verständlich, aber bereichernd ist und das gute Gewissen etwas für die Kooperation der beiden Partnerstädte Erlangen und Wladimir getan zu haben.




























